zwei Gespräche

japanische Seite

H (in Korea geborene Koreanerin): Aber meiner Erinnerung nach ist es noch nicht lange her, dass Korea ein tiefes Interesse für die Geschichte entwickelt hat  und auch begann diese zu unterrichten. Davor wurden vor allem Antikommunismus und Nordkorea als Schwerpunkte im Unterricht behandelt. Ich habe alleine in der Mittelschule mehr über Nordkorea, als über Japan gelernt. Irgendwann Anfang der 2000er, als Japan als Industriestaat etwas aufstieg begann die Bildung sich etwas mehr auf die Geschichte Japans zu konzentrieren. Unter anderem auch, weil das Thema Nordkorea nicht mehr so nah war. Zuvor gab es viele Provokationen von nordkoreanischer Seite. Es gab in gewisser Weise die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung und darauf, dass getrennte Familien wieder zueinander finden. Darum war Nordkorea immer wieder ein Thema. Der Wunsch nach einer Wiedervereinigung ist noch da, aber er rückt immer mehr in den Hintergrund  und die heutige Generation weiß nichts mehr davon.  Sachen wie der Koreakrieg und Nordkorea interessieren mich zwar nicht, doch international ist das Interesse daran immer mehr gewachsen. Seit den frühen 2000ern habe ich viel über internationale Geschichte gelernt.  Es gab jedoch keine großen Veränderungen, wie in Deutschland. Darum habe ich auch das Gefühl, dass sich die Bildung immer noch in die gleiche Richtung bewegt.
J (in Deutschland geborene Koreanerin): In Korea zählen Fächer wie Mathe, Englisch und Koreanisch. Geschichte hat da keinen hohen Stellenwert.
H: Ehrlich gesagt wusste ich damals nicht, warum wir über diese Geschichte lernten. Im Unterricht wird immer nur das unterrichtet, was für die Klausur relevant sein wird. Aber beim Thema Antikommunismus gleichte der Unterricht mehr einer Gehirnwäsche, als Klausurvorbereitung. Danach habe ich Geschichte einfach auswenig gelernt, weil ich es musste. In den letzten 5-6 Jahren ging von der koreanischen Geschichte etwas verloren. Wir sagen oft, dass eine Nation, die ihre Geschichte vergessen hat, keine Zukunft hat. Das wird zur Zeit oft gesagt. Es gibt mittlerweile viele Programme im Fernsehen oder auf Youtube, die sich darauf konzentrieren, jüngeren Generationen die schmerzhafte, aber auch stolzerfüllte Geschichte Koreas zu erklären. Und das gefällt den jungen Leuten.
J: Es gibt auch immer mehr historische Fernsehserien. 
H: So können Leute ohne es vielleicht zu merken, auf spielerische Weise etwas über die Geschichte lernen. Auch wenn das nicht Teil der offiziellen Schulbildung ist, können Jugendliche dadurch viel lernen.   Nach der deutschen Wiedervereinigung haben wir auch viel über dieses Thema gesprochen. J: Bei uns lag der Fokus in der Schule nicht so sehr auf Mathe, Englisch und Deutsch. Jeder hatte andere Interessen. Wir waren 21 Schüler. In der weiterführenden Schule hatten von den 21 Schülern alle unterschiedliche Interessen und Talente.  Einer davon interessierte sich besonders für Geschichte und Kriegsgeschichte. Weil so jeder seinen eigenen Interessen und Fähigkeiten folgt, hatte ich schon als ich jung war Freunde, die sich für Geschichte interessierten. Ich hatte zum ersten Mal Geschichtsunterricht, als ich auf dem Gymnasium war. War es in der 6. Klasse? Ich glaube es war nicht in der 5. Klasse. Damals begannen wir mit der Antike, Ägypten, chinesischer Kultur und Rom. Danach kam direkt die Französische Revolution. Wenn man das alles als Weltgeschichte betrachtet, wenn man den westlichen Kulturkreis als Weltgeschichte bezeichnet, dann sind eigentlich alle Kolonien Teil des Westens. Darum habe ich eigentlich nicht über Weltgeschichte, sondern europäische Geschichte gelernt. Als nächstes kam das Thema, mit dem wir uns am meisten befassten. Der zweite Weltkrieg und das NS-Regime. Ich glaube auch, es ist noch gar nicht so lange her, dass Deutschland begann, sich mit der Geschichte der Teilung auseinanderzusetzen. Der jüngste Geschichtslehrer an unserer Schule kam aus der DDR. Er hat viel über die DDR gelehrt und Projekte zu dem Thema organisiert.  Das war schon ein bisschen außergewöhnlich.
H: Dass Japan Korea besetzt hat und, dass Korea eine lange Kriegsgeschichte mit China hat. Wird so etwas in Deutschland auch unterrichtet?
J: In meinem Geschichtsbuch von früher gab es einen ganz kleinen Teil über den Koreakrieg. Der Koreakrieg wurde nur in Bezug auf den Kalten Krieg erwähnt und wurde mit dem Vietnamkrieg zusammen in ein Kapitel gesteckt. Anstatt im Geschichtsunterricht, werden solche geopolitischen Themen eher im Politikunterricht behandelt. Der Konflikt zwischen China und Taiwan oder die koreanische Halbinsel zum Beispiel, das wird alles dort besprochen. Ich persönlich habe das im Unterricht gar nicht gelernt. Was ist mit Japan? Japan hat ja Kriegsverbrechen begangen und war stark in den zweiten Weltkrieg verwickelt. Wird darüber auch viel gesprochen?
J: Kaum.
H: Wurde hauptsächlich über Deutschland gesprochen?
J: Ja. Was die Beziehung zwischen Deutschland und Japan betrifft, wird über Japan als Verbündeter und als Seestreitkraft ein bisschen gelehrt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das pädagogisch wertvoll war.
H: Außer, dass Deutschland den Krieg begonnen hat, haben wir in Korea keine Kriegsgeschichten über Deutschland gehört. Wie bereits erwähnt, liegt der Fokus in der Schule eher auf Spanien, England, der Französischen Revolution und einigen Kolonien.  In Bezug auf den zweiten Weltkrieg lag der Fokus bei uns auf Japan, China und Korea. Über den Holocaust und was in Deutschland alles passiert ist, haben wir nicht sehr viel gelernt.
J: Doch bevor wir über den zweiten Weltkrieg lernten gab es in Europa in der Vergangenheit ja bereits zahlreiche Kriege. Zwischen Frankreich und Deutschland. H: Zwischen Polen und Deutschland.
J: Weil es so viele Kriege gab, wurde viel Wert darauf gelegt, die Geschichte vor dem zweiten Weltkrieg zu unterrichten. Wie war die Beziehung zwischen den beteiligten Ländern? Gab es irgendwelche geopolitischen oder wirtschaftlichen Gründe?  Darum werden historische Fakten betrachtet und die Frage gestellt, wie es zu diesem Ereignis kommen konnte.

H: Wenn es um Politik geht, müssen wir viel auswendig lernen. Was war in welchem Jahr? Wer war der japanische Offizier? Wer führte die Armee und marschierte ein?  So wird das unterrichtet. Aber in Europa wird auch viel diskutiert. Wird auch im Geschichtsunterricht diskutiert?
J: Ein Stück weit muss man natürlich auch auswendig lernen und sich Daten merken,  Aber nur durch auswendig lernen erzielt man in einer Klausur keine hohe Punktzahl. Früher hatten wir nur ein Handout oder etwas Hintergrundwissen und haben anhand dessen ein Thema vorgestellt. Damals bei mir im Geschichtsunterricht haben die Lehrer einfach viel erzählt und wir haben Filme angeschaut und die Schüler haben darauf reagiert. So war der Unterricht bei uns. Oder als wir über die Teilung Deutschlands lernten, da hat der Lehrer zu den Schülern gesagt, wenn sie in Ostdeutschland leben, dann sollen sie als Hausaufgabe die Uhr ihres Vaters zeichnen. Wir wussten zuerst nicht, wozu er uns diese Aufgabe gab, doch je mehr wir uns darüber unterhielten, konnten wir erraten, dass es etwas mit Westdeutschland zu tun haben muss. Auf diese Weise habe ich im Geschichtsunterricht 
viele interessante und spannende Sachen gelernt. Anstatt sich auf das Auswendiglernen von Zahlen zu konzentrieren, wurde mehr Wert darauf gelegt, die Themen durch Konversation spielerisch beizubringen.
H: Korea versucht auch mit der Schulbildung mehr in diese Richtung zu gehen. Man kommt damit immer mehr in Berührung. Das Geschichtenerzählen gefällt den Leuten besser, als stures Auswendiglernen. Durch die Medien erfährt diese Methode immer größere Bekanntheit. So lerne ich am Ende auch mehr.
J: Ich denke, diese neue Art der Bildung funktioniert gut. Ich bin in einer ländlichen Gegend zur Schule gegangen. Manchmal waren wir auf Klassenfahrt in Berlin und sind dort ins Museum gegangen. Ich glaube, dass bei solchen Ausflügen alle Gymnasiasten in Deutschland einmal ein Konzentrationslager besuchen. Aber in Berlin gab es auch sehr viele Orte, die ich besucht habe. Das sind zwar vielleicht keine Kulturgüter, aber die Geschichte zu bewahren ist auch eine Kultur. Es gibt zum Beispiel das Haus der Wannsee-Konferenz. Wenn ich dort hingehe, fühlt sich alles so friedlich an. Der Garten ist so schön und es gibt eine Villa am See. In dieser Villa trafen sie sich am 20. Januar um 10:30 Uhr zum Frühstück und planten währenddessen den Holocaust, den Mord an 6 Millionen Juden.  Aber wenn man so einen Ort besichtigt und an einer Führung teilnimmt, dann spürt man das erst so richtig. Natürlich hatte ich über diesen Tag und die Wannseekonferenz in der Schule bereits gelernt, aber selbst dort hinzugehen und es mit eigenen Augen zu sehen,  diese Landschaft und die Villa am See, in der sich diese Politiker trafen um zu diskutieren, das war schon sehr eindrucksvoll für mich. In der "Topographie des Terrors" in Berlin wird auch viel über das NS-Regime gesprochen. Ich finde es sehr wichtig, dass solche Orte erhalten bleiben und dass es solche Ausstellungen gibt, wo politische Bildung stattfindet. So etwas können Schüler alleine nicht machen.
H: Wenn ich mir die Geschichte Deutschlands anschaue, denke ich, dass wir genau so einen Krieg durchgemacht haben. Aber kann das wirklich sein. Das ist ja die Geschichte eines ganz anderen Landes. Wie sehen Sie das? Wenn man sich die Art und Weise anschaut, wie die Deutschen Geschichte unterrichten, dann sieht man, dass sie das Thema sehr ernst nehmen. Was wäre, wenn wir das auch so tun würden? Das ist also der Grund dafür, dass Deutschland so fortschrittlich ist. Oder war das für Deutschland vielleicht der richtige Weg, aber wir sollten uns für unseren eigenen Weg entscheiden? Wie sehen Sie das?
J: Ich glaube wenn es um Geschichte geht, sind die Bildung und das Problem sehr getrennt voneinander. Bildung wird jedem durch Bildungsbeauftragte vermittelt, die Informationen weitergeben. Aber weil Geschichte auch die Erfahrungen und Gedanken eines jeden Einzelnen beinhaltet ist Geschichtsunterricht eigentlich Bürgerbildung. Doch jeder eignet sich Informationen auf seine eigene Weise an, daher finde ich es wichtig, dass es viele Infos und Möglichkeiten dafür gibt.  Aber wie Sie sagten, glaube ich auch, dass  Deutschland mit seiner Geschichte offener und ehrlicher umgeht, als andere Länder und sich auch mehr damit auseinander setzt. Im Ausland findet man auch so was wie das Berliner Holocaust-Mahnmal nicht. Das erfüllt mich mit Stolz.  Weil wir nicht versuchen unsere Geschichte zu verbergen, sondern ehrlich damit umgehen  und in gewisser Weise auch Reue und Verantwortung dafür zeigen. Und ich denke, das wirkt sich auch positiv auf die internationalen Beziehungen aus. Ich kann mich in der EU frei bewegen und mich mit Schülern aus allen möglichen Kulturen austauschen. Ich habe die Beziehungen zwischen den Ländern bisher immer als friedlich wahrgenommen. Wenn man sich die Situation mit der Ukraine zur Zeit anschaut, dann sieht man, dass nicht nur die Deutschen, sondern Leute aus ganz Europa, sich verbündet zeigen.  Das liegt daran, dass die Gesellschaft hier friedlich und harmonisch zusammenlebt. Deutschland war ja immer das Angreiferland. Darum frage ich mich manchmal, ob die Beziehungen auch wieder hergestellt worden wären, wenn Deutschland seine Geschichte nicht offen aufgearbeitet hätte.

J: Wann war Korea nochmal unter japanischer Herrschaft?
F: 1890... Ich weiß es auch nicht mehr genau. Die Japaner kamen zur Zeit König Gojongs nach Korea, 
aber sie haben nicht sofort die Macht übernommen. Sie haben sich dann langsam in die Politik eingemischt und König Gojong erpresst. „Wenn ihr das so macht, werden wir euch helfen.“ Das war auch die Zeit der Qing-Dynastie.  Korea musste die Qing-Dynastie damals etwas fernhalten und Japan gab vor, dabei helfen zu wollen. Aber jetzt waren die Japaner und die Chinesen in Korea. Und die Amerikaner auch. Dass das Land  bereits leicht in Aufruhr war und der König geschwächt war, verschlimmerte die Situation.  Japan ging damals strategisch klug vor. Da Japan viel über Korea wusste, fiel es ihnen viel leichter als den USA, von den Bürgern aufgenommen zu werden. Daraufhin dachte China, dass das ja ganz leicht ist. Sie dachten sich: „Korea ist so klein, das können wir uns einfach nehmen.“ Das war etwas leichtsinnig, denn sie wurden von den Japanern erwischt.  So begann langsam die Kolonialisierung. 1910 wurde der Annexionsvertrag zwischen Japan und Korea unterschrieben und die japanische Kolonialzeit begann. Sie dauerte 36 Jahre, bis zur Befreiung am 15. August 1945.
J: Es gibt nur noch wenige Menschen, die das selbst miterlebt haben.
H: Ich weiß nicht genau wie alt ich war, aber meine Großmutter ist schon früh verstorben. In schweren Zeiten, wenn es ihr schlecht ging, träumte sie davon, wie sie zur Schule ging und Unterricht auf japanisch hatte. Die Kolonialzeit dauerte bis sie in der 2. Klasse war. Sie war immer neidisch darauf, dass die anderen so gut japanisch sprechen konnten. „Wie können die auch noch so gut koreanisch, wenn sie nicht lernen?“ „Ich muss darauf nicht neidisch sein. Ich habe fleißig gelernt, um auch japanisch sprechen zu können“, das hat sie sich immer gesagt. Sie kam ja bereits während der Kolonialzeit zur Welt.  Und wuchs in einem Land auf, in dem sie nicht machen konnte, was sie wollte und in dem die Schule keinen Spaß machte.
J: In der Schule waren die japanischen und die koreanischen Kinder getrennt voneinander. Darum fragte sie sich immer wieder, was das nur für ein Ort sei. Mein Großvater wurde immer wütend, wenn man ihn auf diese Zeit ansprach. Er wollte nicht darüber sprechen. Aus der Generation meines Großvaters oder Vaters gab es zum Glück niemanden, der während der Kolonialzeit großes Unglück erlitt.  Von ihnen wurde keiner Opfer eines Massakers oder in ein Konzentrationslager geschickt. „Das ist etwas, was du unbedingt wissen muss.“ Sowas wurde mir nie gesagt. Man sagte mir immer nur, dass es niemals Krieg geben sollte. Mein Großvater sprach oft darüber, dass er in der Schule Japanisch gelernt hatte und es gut konnte.  Später war er geschäftlich auch oft in Japan.  Meine Großmutter war etwas jünger und erinnerte sich daher nicht so gut daran. Sie erzählte, dass sie auch Unterricht auf japanisch hatte, aber ich weiß nicht ob sie die Sprache gut beherrscht. Da sie später an Demenz erkrankte, konnte sie nicht viel von damals erzählen. Mein Großvater mag auch japanisches Essen, immerhin ist er damit aufgewachsen.  Meine Großväter sagten aber nie, dass die japanische Regierung böse sei. Da sie beide im Koreakrieg kämpften, sahen sie eigentlich nur Nordkorea als den absoluten Feind.  Was Japan betrifft, haben sie das einfach so hingenommen. Viele Medien und Kulturgüter wurden damals auf japanisch veröffentlicht. Vielleicht konnten sie deswegen Japan nicht ganz ablehnen. Wenn man nicht persönlich als Trostfrau in ein Lager verschleppt wurde, dann kann es schon sein, dass man so denkt.
H: Vielleicht hat der Koreakrieg eine größere Wunde hinterlassen, als die Kolonialzeit. Während des Koreakriegs galt die Wehrpflicht. Darum wurden alle unter 60-Jährigen, die in der Lage waren, zum Wehrdienst eingezogen. Damals gab es so etwas wie eine Demokratie in Korea noch nicht. Bei der gewaltsamen Einberufung wurden alle Häuser nach Männern durchsucht. Familien, die einen Sohn hatten, mussten ihn in den Krieg schicken. So wurde es mir erzählt. Die älteren Brüder meines Großvaters hatten sich damals für mehrere Tage auf dem geheimen Dachboden des Hauses versteckt. Darum brachte meine Großtante ihnen tagelang heimlich Essen. Ich denke, dass der Koreakrieg ein größeres Trauma hinterlassen hat.
J: Aber ich habe das Gefühl, dass zur Zeit der Tag der Befreiung Koreas und die Bewegung des ersten März, oder auch die Unabhängigkeitsaktivisten, viel mehr gefeiert und respektiert werden.
H: Wenn es um Nordkorea geht, dann ist da nur der Koreakrieg.
J: Wenn von Promis gesprochen wird, wird oft erwähnt, von welchem Unabhängigkeitsaktivisten sie ein Nachfahre sind. Ich frage mich dann immer, warum das wichtig ist.
H: Immer wenn ich über die Beziehung zwischen Nord- und Südkorea spreche, dann schäme ich mich ein bisschen, weil unser Volk durch einen Konflikt gespalten ist. 

H: Vielleicht ist das auch ein persönliches Problem von mir. Objektive und sachliche Gründe sollten die Basis für eine Differenzierung zwischen Richtig und Falsch sein. Vielleicht liegt es daran, dass ich recht misstrauisch bin, 
aber ich frage mich oft, ob die Sachen im Fernsehen oder in Büchern wirklich wahr sind.  Wenn zum Beispiel ein Japaner einen Text schreibt, in dem er positiv über Korea berichtet,  dann kann es sein, dass er es einfach so geschrieben hat, weil er das so wollte. Unser Geschichtslehrer ärgerte sich im Unterricht immer sehr über Japan und erklärte die Sachen daher in einem gewissen Ton. Aber was ist davon die Wahrheit? Wenn meine Großeltern mir etwas erzählen, dann kann ich das meistens glauben. Aber wenn sie über etwas sprechen, was sie nicht erlebt haben, dann kann ich das natürlich nicht glauben.
J: Ich glaube die Objektivität geht da verloren.
H: Man fragt sich, wie weit die Geschichte wohl ausgeschmückt wurde. Man sollte sich nicht nur Geschichten von einer Seite anhören. Ich frage mich immer öfter, warum man überhaupt historische Serien anschaut, wenn doch so viel abgewandelt wird, um die Serie interessanter zu machen. Ich denke, das muss man nicht leugnen. Am Ende muss ich für mich selbst entscheiden, welche Einstellung ich zu Japan habe. Es geht nicht darum, wer die Wahrheit sagt. Wenn es mich wirklich interessiert, dann werde ich ganz ausführliche Informationen über die japanische Geschichte sammeln und mich mit Leuten darüber unterhalten, um die Wahrheit herauszufinden. Ich finde es wichtig, dass man Sachen die man hört auch hinterfragt und sich nicht einfach so mal schnell eine Meinung bildet.
J: Ich denke, es ist wichtig, viel zu wissen. Da Geschichte subjektiv und individuell ist, ist es wichtig, sich die Geschichten von vielen verschiedenen Zeitzeugen anzuhören. Aber dafür ist schon zu viel Zeit vergangen. Mit Deutschland ist es genauso. In Ostafrika gibt es auch einige ehemalige deutsche Kolonien, auch wenn es nicht viele sind. Es ist schon so viel Zeit vergangen und man weiß heute nicht mehr, was die Soldaten dort angestellt haben.  Aber die Nachfahren der Leute dort, sind noch da. Der Unterschied zu Japan und Korea besteht darin, dass es zwischen Japan und Korea bis heute noch einen politischen Konflikt gibt, z.B. was die Insel Dokdo oder auch den Handel betrifft. Die Koreaner sind weit gekommen, sie haben wirtschaftlichen Erfolg und erheben deshalb auch ihre Stimmen. Was die Kolonien in Afrika betrifft, gibt es in Deutschland auch eine zivilgesellschaftliche Bewegung, aber es muss noch mehr Aufklärung stattfinden. Wir dürfen uns nicht nur auf den 2. Weltkrieg konzentrieren, sondern müssen auch über die deutsche Kolonialgeschichte aufklären. Aber aus Afrika hört man nichts zu dem Thema. Obwohl ich viel darüber gelernt habe und mich sehr für Geschichte interessiere, kenne ich auch keine Aktivisten. Ich glaube, es könnte zwei Gründe dafür geben. Vielleicht wollen diese Länder einfach nur die Vergangenheit hinter sich lassen  und haben auch nicht die Kraft, sich damit auseinanderzusetzen, da die wirtschaftliche Entwicklung Vorrang hat. Die Frage ist auch, ob Deutschland dort Entwicklungshilfe leistet und ob das gut funktioniert oder ob es Gefühle von Widerwillen gibt, die eine Hürde darstellen. Oder liegt es einfach an unserer Gleichgültigkeit?
H: Ja. Auch wenn jemand viel gibt, muss das nicht heißen, dass das genug ist.
J: Dass die Stimmen aus Afrika hier nicht gehört werden, kann auch daran liegen, dass sie sehr weit entfernt sind. Aber Korea und Japan sind sich sehr nah. Auch was die Kultur betrifft.
H: Manchmal, wenn junge Japaner sagen, dass Japan keine Zukunft hat, zerbricht es mir das Herz. Genauso wie in Korea, haben die jungen Leute in Japan keine Hoffnung mehr. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein. Aber der Leistungsdruck, das Verlangen nach Anerkennung und die finanziellen Schwierigkeiten, ich denke, dieser Aspekt ist in beiden Ländern ähnlich. Abgesehen davon, denke ich, dass die Gründe dafür, dass das Land sich selbst aufgibt, in Japan andere sind, als in Korea. Das ist ein bisschen schade, weil wir Nachbarn sind. Das sind Nachbarländer, die ihre Kräfte vereinen müssen, aber beide Länder stehen in Flammen und sagen sich gegenseitig, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Das ist sehr traurig. Es ist, als hätte ich einen schwachen Nachbarn und wir helfen und stützen uns gegenseitig,  während jeder von uns hofft, dass dem anderen etwas schlechtes passiert. Und so ist es gerade mit diesen beiden Ländern. Das ist sehr schade.
J: Deshalb kann man auch viel Feindseligkeit zwischen Korea und Japan erkennen. Auf der Weltkarte sind die beiden aber sehr nah beieinander.
H: Sie sind so nah beieinander, sie haben beide keine Ressourcen,
J: und sie sind beide in einer ähnlichen Situation.
H: Aber warum funktioniert es dann einfach nicht? Ich denke, dass die Menschen in Ostasien sehr stur sind, sie haben kein Selbstwertgefühl und sind nicht sehr flexibel. Für meine ausländischen Freunde ist ihr Land nicht alles. Wenn sie sich beugen und nachgeben müssen, dann tun sie das. Aber wenn sie stark sein müssen, dann sind sie stark. Sie sind da einfach flexibler. So sind die Menschen bei uns in Ostasien nicht. Ich tue nur das, was ich mir vorgenommen habe. Ich habe nur das getan, was ich gesagt habe. Ich frage mich, ob das nicht ein bisschen zu gnadenlos ist. Auf jeden Fall ist es manchmal so, dass ich will, dass es meinen Freunden und den Menschen in meiner Umgebung gut geht. Aber jetzt gerade geht es mir nicht gut und ihnen geht es auch nicht gut. Und so leiden wir alle nur unnötig. Wenn es mir gut geht, bin ich entspannt. Aber wenn ich dir nicht helfen kann, wenn es dir schlecht geht, dann ist das für mich auch schwierig. Was sollen wir dann tun? So fühlt es sich zur Zeit an.  Wenn ich die Japaner laut rufen höre, verspüre ich ein bisschen Mitleid. Sie rufen laut, dass sich die Wirtschaft dank Abenomics erholen wird.  Dass es wieder wird, wie vor 30 Jahren. Aber warum ist dann noch nichts passiert? Ich habe das Gefühl, dass sie einfach nur Lärm machen. Als Japan als Industriestaat schon wirtschaftlich weiter war  und Korea noch weniger Macht hatte, war die Beziehung zwischen den beiden Ländern gut. Wenn es einer Seite gut geht und der anderen Seite schlecht, dann will man gerne helfen, aber derzeit geht es beiden Seiten schlecht. Ich habe eine Sache, die ich beschützen will und ich will nicht, dass sie mir weggenommen wird. Das ist ein bisschen schade. Aber es gibt in Korea viele japanische Touristen, die Korea mögen.
J: Sie kennen sich gut mit Korea aus. Wahrscheinlich hatte die Popkultur da einen größeren Einfluss, als die kulturelle Bildung.
H: Auf Youtube gibt es einen Kanal namens „Asian Boss“. Ein in Amerika geborener Koreaner hat den Kanal, zusammen mit anderen Immigranten zweiter Generation, gegründet. Auf dem Kanal geht es hauptsächlich um Asien. Sie haben angefangen Straßeninterviews  durchzuführen, bei denen sie auch Japaner befragt haben. Sie fragen: „Was haltet ihr von Abenomics?“ „Findet ihr, dass Japan sich für den Krieg entschuldigen sollte?“ aber auch: „Was haltet ihr von Korea?“ Aber die Japaner haben dazu keine Meinung, während die Koreaner finden, dass Japan sich auf jeden Fall entschuldigen muss. Die Japaner wissen nicht, warum sie mit Korea konkurrieren müssen. Sie machen sich nicht viele Gedanken darüber. Es ist nicht so, dass sie keine Gefühle dafür haben, was passiert ist 
oder, dass die Vergangenheit verloren gegangen ist. In Japan findet einfach nicht genug Aufklärung statt und es wird nicht über die Vergangenheit gelehrt. Ihnen ist auch nicht bewusst, dass es ein Problem gibt, das gelöst werden muss. In den Medien wird so etwas nicht erwähnt. Da die normalen Bürger also nie mit Themen konfrontiert werden, über die sie ernsthaft nachdenken müssten,
J: sind sie sich des Problems nicht bewusst. Es ist offensichtlich, dass Japan ein großes Problem vertuschen will. So etwas höre ich auch oft von meinen japanischen Freunden.

J: Die Koreaner tun ihr Bestes und versuchen mit starkem Willen die Beziehung zwischen Korea und Japan wiederherzustellen. Auf japanischer Seite mag es sein, dass sie keine Veränderung des aktuellen Zustands anstreben. Vielleicht wollen sie, dass alles so bleibt, wie es gerade ist.
H: Die Aufarbeitung der Vergangenheit könnte für Japan zu einem schlechteren Image führen.
J: Außerdem wäre es sehr viel Arbeit.
H: Wenn es z.B. um die Anmeldung von der Weltkulturerbe geht, dann tauchen immer wieder Probleme auf, so wie die Gefangenenlager in der Kolonialzeit. Diese Fehler, wenn man das so nennen kann, können schmerzhaft sein, aber Japan erachtet es nicht als notwendig, ständig seine Vergangenheit preiszugeben. Ich frage mich, was Korea getan hätte, wenn die Rollen vertauscht wären. Das ist jetzt schon viele Jahrzehnte, fast 100 Jahre her. Wenn wir jetzt die Vergangenheit ausgraben, wird es dann irgendwas ändern? Die Japaner haben auch ihre Gründe.
J: Wenn man sich Deutschlands Situation hingegen anschaut, sieht man, dass sie das Vertrauen der Nachbarländer gewonnen haben. Man kann überall die ehemaligen Konzentrationslager besichtigen und die Ausstellungen sind auch in mehrere Sprachen übersetzt. Das Vertrauen der Nachbarländer war wichtig für den Frieden in Europa, aber auch für ein gutes Zusammenleben. Ein solches Vertrauen wird Japan nicht entgegengebracht. Weder von Korea, noch von anderen ost- und südostasiatischen Ländern. Sie halten das auch nicht für nötig.
H: Es gibt ja auch Menschen, die so sind. Wenn ich z.B. einen Fehler gemacht habe, dann entschuldige ich mich zuallererst, auch, wenn die Person nicht wütend auf mich ist. Ich kann dann nachts nicht schlafen und frage mich ständig, warum ich so etwas getan oder gesagt habe.
J: Darum entschuldige ich mich sofort und bin danach vorsichtiger. Es gibt jedoch auch Leute, die am nächsten Tag fragen wie dein Tag war und einfach so tun, als wäre nie etwas gewesen. Ich frage mich manchmal, ob Japan so sein will.  Entweder die Leute sind sich ihrer Fehler nicht bewusst und leben ihr Leben einfach weiter oder sie sagen nichts und tun so, als wüssten sie es nicht, weil sie denken es wäre so angenehmer.   Aber selbst wenn sie das tun, sind sie dabei freundlich, da sie es ja sind, die einen Fehler gemacht haben.
H: Ich kenne die politische Situation jetzt nicht bis ins letzte Detail,  aber ich glaube nicht, dass diese beiden Länder sich gegenseitig nicht helfen. Sie werden sich schon helfen, indem sie einfach nur da sind. Sie kämpfen zwar gerade um den Boden zwischen ihnen, aber Japan beschützt uns auch ein Stück weit. Erdbeben, Tsunamis oder Angriffe von China. Davor werden wir geschützt. Wenn es Japan nicht gäbe, dann würde Korea alleine dastehen. Korea ist zu klein und unbedeutend, um durch einen Krieg erobert zu werden und auch nicht sehr wertvoll, doch wenn man sich die Nachbarländer anschaut, dann sieht man, dass sie Korea brauchen. Korea ist also in einer etwas angespannten Lage. Es ist nicht so, als müssten sie sich bei Japan bedanken, aber sie sehen die Hilfe und lehnen sie auch nicht ab. Ich will für mich persönlich sagen, dass ich Japan nicht kritisieren will. Im täglichen Leben wird ständig irgendjemand kritisiert. Leute, die wie Putin einen Krieg beginnen, haben nichts gutes verdient.  Andere Leute können ihr Leben auf diese oder jene Weise leben, sie können Fehler machen,  aber was auch immer sie tun, ich glaube nicht, dass ich das Recht habe, sie zu kritisieren.
J: Es ist nicht leicht, die Schuld von jemandem zu begraben. Wenn man sich die koreanisch-japanische Beziehung anschaut... Wie Geschwister haben sie sich früher wegen Kleinigkeiten gestritten.  Später hat Korea dann angefangen, sich zu wehren. Als sie erwachsen waren, haben sie gemerkt, dass es um sie herum viele Gefahren gibt und es besser wäre, wenn sie sich zusammentun.
H: Wenn irgendwann eine Generation kommt, die keine Geschichten mehr von Zeitzeugen hören kann. Wir konnten ja noch Geschichten von unseren Großvätern hören. Aber mein Vater konnte uns Kindern schon nicht mehr so viel erzählen. Es wird dann keine emotionalen Erzählungen mehr geben. Es gibt jetzt nur noch eine oder zwei Generationen, die das tun können. In allerhöchstens 100 Jahren geht das dann nicht mehr. Man wird das dann nicht mehr so intensiv mitfühlen können. Es ist dann nur noch Geschichte. Auch wenn es Menschen gibt, die sich für die Trostfrauen einsetzen oder um Dokdo kämpfen, glaube ich nicht, dass es reichen wird, um in den Leuten ein Nationalgefühl zu wecken. Werden Japan und Korea sich trotz der Probleme annähern können? Selbst wenn man die Geschichte einfach Vergangenheit sein lässt, können die beiden sich dann annähern? Dann wird man eine neue Geschichte schreiben.