zwei Gespräche

japanische Seite

N (in Deutschland geborene Halbjapanerin): Ich bin geboren, aufgewachsen und lebe zwischen Deutschland, Europa und Japan. In meiner Forschung geht es auch um Austausch zwischen Japan und dem Westen. Und die Erinnerung an den Krieg, die ich übernommen habe, war sowohl japanisch als auch deutsch. Der Grund, warum ich keine Erinnerungen an meinen Großvater habe, ist, dass er so früh verstorben ist. Meine beiden Großväter befanden sich im Krieg, jeweils in China und in Russland.
M (in Japan geborene Japanerin): Wer zog in den Krieg gegen Russland?
N: Mein deutscher Großvater.
M: War er an der Front des NS in Russland?
N: Genau.
M: Womit kam er zurück?
N: Er überlebte und kehrte nach Hause zurück.
M: Er überlebte!
N: Meine Familie besaß früher eine Villa in Mita, Tokio.Sie hatte eine Firma, die Strümpfe herstellte. Eine Seidenfabrik.Aus diesem Grund unterhielten sie in der Taisho- und frühen Showa-Periode Beziehungen zur Kaiserfamilie. Der Jüngste von den vier Söhnen meiner Urgroßmutter, die früh verwitwet war, wurde auf eine Kamikaze-Selbstmordmission geschickt.
M: War er dein Großvater?
M: Er war der jüngere Bruder von meinem Großvater. Mein Großvater kam aus dem zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg zurück, und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Er starb in den 1950 Jahren vorzeitig.
M: Du hast das irgendwie angesprochen. Die Behandlung war so schlecht, dass er daran vorzeitig starb. Du sagtest etwas in der Art.
N: Er starb, als mein Vater 11 Jahre alt war. Deswegen habe ich natürlich überhaupt keine Erinnerung an ihn. Ich war früher sehr kurzsichtig, aber wir haben einige Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass ich das von meinem Großvater geerbt habe. So sehr war er ein in Vergessenheit geratenerer Mensch.
M: Aber hat dein Großonkel, der sich auf eine Kamikaze-Selbstmordmission begab, nicht etwas, an das man sich im Rest der Familie erinnert oder das zu einer Legende wird?
N: Er ist eine Legende geworden.
M: Aber die Kurzsichtigkeit von deinem Großvater wurde vergessen?
N: Genau. Ich habe den Eindruck, dass man nicht stolz auf die Kamikaze-Selbstmordstaffel sein sollte, aber man sollte sie auch nicht vergessen.
M: Nicht stolz darauf sein, aber auch nicht vergessen—was bedeutet das?
N: Sie sind ein Symbol für Japans Angriff auf den Westen. Wenn ich stolz darauf wäre, würde es bedeuten, seinen Militarismus zu verfestigen. Aber ihm gar nicht zu gedenken, tut mir auch leid für meinen Großonkel, der damals in den Freitod fliegen musste. Mein Vater ist ein Japaner, der Japan bereits vollständig verlassen hat und meine Mutter ist Deutsche. Aber Mitten in Tokio, in Japan, gibt es das Grab meiner Familie. Ich bin die Einzige, die es noch erben kann. Als ob ich den Yasukuni-Schrein besuchen und ein wenig an meinen Großonkel denken kann, der bei einem Kamikaze-Angriff ums Leben kam, oder ob ich das überhaupt machen kann, obwohl ich doch Halbjapanerin bin, so gibt es alle möglichen Fragen.
M: Das heißt, er ist im Yasukuni-Schrein als Kriegsveteran registriert.
N: Das müsste so sein. Aber wenn ich meine Verwandten um mehr Informationen bitte, erhalte ich keine sehr genauen Antworten.
M: Haben sie keine Informationen über ihn oder wollen sie nicht über ihn sprechen?
N: Es scheinen keine Informationen verfügbar zu sein. Wie er zur Kamikaze-Selbstmordstaffel kam, ob er ein Freiwilliger war… Meine Familie war einst mit der kaiserlichen Familie verbunden. Sie brauchten auch dort junge Soldaten und baten meine Familie, dass jemand von ihnen in das Sondereinsatzkommando kommt, welches besonderes Prestige hatte. Meine Familie sagt heute, dass damals um die Flieger gebeten wurde und man dies nicht ablehnen konnte. Ich glaube, meine deutschen Vorfahren waren im Vergleich zu meinen japanischen Vorfahren arm.  Meine Großmutter... ist diesen Monat gestorben.Ich habe von ihr gehört, dass sie in einem vaterlosen Haushalt aufgewachsen ist und sehr arm war.
M: In einem vaterlosen Haushalt?
N: Ja. Meine Urgroßmutter und mein Urgroßvater ließen sich für damalige Verhältnisse ungewöhnlich in einem jungen Alter scheiden. Meine Großmutter wurde von meiner Urgroßmutter aufgenommen und sie verbrachte den Krieg auch in einem vaterlosen Haushalt. Aber sie teilten ein wenig Essen mit den Juden in der Nachbarschaft, obwohl sie kein Geld hatten.
M: Sie waren sehr nett.
N: Ich habe diese Geschichte direkt von ihr gehört. Aber dann verschwand die jüdische Familie, der sie Essen gaben, sehr schnell. Ich wusste es...wie sagt man das auf Deutsch?
N: „Deportation.“ Sie wurden in ein Konzentrationslager gebracht. Sie ließen Möbel und andere Dinge zurück und verschwanden einfach. Ich bin mit solchen Geschichten aufgewachsen. Meine deutsche Familie war also überhaupt keine Nazis, sondern Anhänger der Sozialdemokratischen Partei. Ich habe gehört, dass sie während des Krieges im Gegenteil viele Schwierigkeiten hatten.
M: Dein Großvater mochte das Naziregime nicht, aber er musste trotzdem in den Krieg ziehen?
N: Das ist so. Damals gab es die Wehrpflicht.
M: Die Situation war dieselbe wie in Japan zu dieser Zeit. Ein Großteil der Bevölkerung mag den Krieg unterstützt haben, aber das heißt nicht, dass alle Menschen ihn unterstützten. Nicht jeder wollte in den Krieg ziehen. Auch in der heutigen Ukraine würden einige Menschen vielleicht lieber fliehen, während andere bleiben und kämpfen wollen. Aber natürlich hat dieser Krieg einen anderen Zusammenhang. Die Ukrainer werden von den Russen angegriffen. Aber die Deutschen und Japaner damals griffen andere an. Welche Art von historischer Bildung hast du in Deutschland erhalten?
N: Von den Verbrechen der Nazis habe ich zum ersten Mal in der fünften Klasse der Grundschule erfahren. Meine Schule war ein Gymnasium, eine kombinierte Mittel- und Oberschule, aber ich lernte diese Geschichte wiederholt auf Sekundar- und Tertiärstufe. Es gibt eine Redewendung: „Etwas kommt jemandem zu den Ohren heraus“
M: Zu den Ohren…?
N: „Etwas kommt jemandem zu den Ohren heraus.“ Ich hatte den Eindruck, dass ich mich in der Schule genug mit dem Thema Nationalsozialismus beschäftigt hatte, bis ich es leid war, davon zu hören.
M: Auf Japanisch heißt das: „man bekommt Schwielen an den Ohren“.
N: Man bekommt Schwielen?
M: „Man bekommt Schwielen an den Ohren.“
N: Ich hatte das Gefühl, in der Schule so viel über die Geschichte gelernt zu haben, so dass „ich Schwielen an den Ohren bekommt habe“. Aber als ich zur Universität ging, habe ich mehr darüber studiert und Hausarbeiten darüber geschrieben.
M: Aber du hast an der Universität doch Japanologie studiert, oder?
N: Nein, zuerst habe ich Politik und Wirtschaft studiert.
M: An der Universität in Frankreich?
N: Ja. Ich habe also Hausarbeiten über den Holocaust geschrieben.
M: Dann unterscheidet sich die französische Bildung noch mehr anders als die Deutsche, oder?
N: Ich studierte mit einem deutschen Dozent am deutsch-französischen Campus. Deutschland ist von diesen historischen Sünden nicht ausgenommen. Von meiner deutschen eher liberalen Einstellung aus spüre ich immer, dass Japan eine rechtsgerichtete Tendenz hat, wie das Vergessen der Vergangenheit, den unzureichenden Geschichtsunterricht in den Schulen für die nächste Generation und die Besuche des Premierministers im Yasukuni-Schrein. Aber weil ich als Erwachsene schon lange nicht mehr in Japan gelebt habe, ist es auch schwierig, das zu beurteilen. 

M: Ob die Kriegsgeschichte in japanischen Schulen richtig gelehrt wird...das tun sie nicht. In den Schulbüchern steht sie vollständig, aber der modernen Geschichte wird nicht viel Bedeutung beigemessen. Wahrscheinlich ist nur die Geschichte bis zur Modernisierung sehr wichtig. Der Schwerpunkt in der nationalen gemeinsamen Universitätenzugangsberechtigungsprüfung liegt wahrscheinlich nur bis zur Modernisierung, und dann wird die Kriegsgeschichte nicht oft behandelt. In japanischen Mittelschulen lernen Schüler für die Aufnahmeprüfungen der Oberschule. In Oberschulen lernen Schüler für die Aufnahmeprüfungen an Universitäten. Dann sinkt die Quote der Kriegsgeschichte im Unterricht, obwohl sie in den Schulbüchern steht. Das wurde sehr problematisch, welche Art von Themen behandelt werden müssen. Viele der Lehrer waren von der Linken, und es gab Diskussionen darüber, diese Geschichte im Unterricht angemessen zu behandeln. Dies spiegelt sich auch in den Schulbüchern wider, weil es unter den Akademikern auch viele Linke gibt. Aber wenn man sich fragt, ob die Kriegsgeschichte mit dieser Debatte im Unterricht tatsächlich richtig vermittelt wird, ist das wahrscheinlich nicht der Fall. Es ist also nicht so, dass die Mehrheit der Japaner konservativ oder rechts orientiert ist. Vielleicht wäre es zutreffender zu sagen, dass die meisten sie einfach nicht wissen. Wir können also keine Diskussion über die Geschichte führen. Im Alltag gibt es so viel zu tun und man muss Geld verdienen. Vorerst muss man gute Noten in den Klausuren erzielen und auf eine gute Oberschule gehen. Also muss man da wieder gute Noten bekommen und wieder auf eine gute Universität gehen. Diese Tendenz mag sich inzwischen ein bisschen verändert haben, aber es ist immer noch das Beste, was man tun kann. Dazwischen werden wir nicht aufgefordert zu sagen: „Nun, lasst uns über die Geschichte diskutieren“. Nachdem ich nach Deutschland gekommen war, habe ich mit anderen Japanern gesprochen, die sich für diese Themen interessieren, und ich dachte, dass uns das Recht vorenthalten wird, über diese Geschichte zu sprechen. Ich finde es seltsam, dass uns diese Gelegenheit nicht gegeben wird. Unter den Japanern, die den Krieg erlebten, gab es viele verschiedene Gruppen. In Japan waren die Menschen, die im Ausland alle möglichen schlimmen Dinge getan haben, natürlich still, nachdem sie zurückgekommen waren. Dann dominieren innerhalb Japans mehr die Erinnerungen der japanischen Opfer. Es geht nicht nur um die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, sondern auch um viele andere Luftangriffe. Dann bleiben in Japan noch die Erinnerungen an die Lebensmittelknappheit während der Kriegszeit und andere Dinge. Dann bleiben in Japan noch die Erinnerungen an die Lebensmittelknappheit während der Kriegszeit und andere Dinge. Mein Großvater, ehemaliger Soldat, hat mir auch erzählt, dass es keine Lebensmittelversorgung oder Ähnliches gab. Der Krieg war so problematisch, so dass selbst ehemalige Soldaten ihn jetzt ablehnen. Was in Japan nach dem Krieg geblieben ist, ist die Erinnerung an die Härte des Krieges und die Erinnerung der japanischen Opfer. Menschen, die Zweifel an dem damaligen System hatten, oder die Soldaten, die einen Schaden erlitten haben, beschweren sich. Andererseits könnten diejenigen, die das System in hohem Maße befolgen oder eine wichtige Rolle als Täter gespielt haben, einfach geschwiegen haben. Der Grund, warum es bei diesem Thema so viele Missverständnisse zwischen Japan und Südkorea sowie zwischen Japan und China gibt, ist, dass die Erinnerungen selbst, die bereits die Grundlage bilden, unterschiedlich sind. Letztendlich bleibt die Debatte immer eine parallele Linie. Ich habe für dieses Projekt mit einigen Koreanern gesprochen. Sie wissen viel, und es gibt immer noch eine Menge Informationen in Korea. Aber Japaner wissen kaum von der damaligen japanischen Kolonialherrschaft in Korea. Selbst als Kind war mir nicht bewusst, dass Korea eine japanische Kolonie war. Korea war für mich nur ein Nachbarland, das während des Krieges etwas mit Japan zu tun hatte.
N: Es gibt bestimmt normale Menschen ohne besondere Kenntnisse und es gibt auch Experten. Ich habe auch den Vergleich gehört, Deutschland sei sich seiner eigenen Kriegsvergangenheit zu sehr bewusst und Japan zu wenig...
N: Ein Professor der juristischen Fakultät der Keio-Universität in Japan, mit dem ich oft zu diesem Thema gesprochen habe. Ich habe den Großonkel, der bei einem Kamikaze-Selbstmordkommando gestorben ist. Aber der andere jüngere Bruder von meinem vorzeitig verstorbenen Großvater, hat dagegen länger gelebt. Er sei Beamter in China gewesen, habe eine Menge schlechter Dinge getan und sei mit in Zeitungspapier eingewickelten Goldzähnen und Diamanten von Chinesen zurückgekommen. Er habe nach seiner Rückkehr nach Japan in Meguro das erste italienische Restaurant in Tokio eröffnet. Ich würde sagen, meine Familie ist auch eine Familie der Täterseite. In Deutschland gab es die Nürnberger Prozesse, in denen jedoch nur ein kleiner Prozentsatz der Nazis bestraft wurde. Ich frage mich, wie es in Japan war.  Ich weiß nicht genug darüber.
M: In Japan gab es die Tokioter Prozesse, die härtesten Verfahren zur Bestrafung von Menschen, die im Krieg Schlimmes getan haben.
N: Dort wurden die Soldaten bestraft?
M: Richtig. Am Ende wurden die sieben hochrangigen Militärs hingerichtet, und andere wurden auf verschiedene Weise inhaftiert. Aber im Falle Japans wollten die USA damals den sowjetischen Einfluss auf Japan wirklich gering halten, und die Strafen wurden reduziert. In Korea herrschte Krieg, und die Sowjetunion näherte sich Japan. Die USA wollten Japan unbedingt in ihrer Gewalt behalten. Dann ist so etwas wie Red Purge passiert.
N: Was ist „Red Purge“?
M: Der Ausschluss von Personen mit kommunistischer und linker Ideologie aus öffentlichen Ämtern.

M: Ich weis nicht, ob die Hingerichteten wirklich die Hauptschuldigen waren. Ich glaube, dass es viele Menschen gab, die nach den Verhandlungen mit den USA überlebt haben. Die gängige Theorie dreht sich um die Frage, warum die USA den Kaiser nicht getötet haben. Anstatt ihn zu töten, wäre es vielleicht besser gewesen, ihn zu einem Freund zu machen und eine neue Herrschaft der Alliierten durch den Kaiser zu beginnen. Man könnte sagen, dass dies eine Entscheidung der USA war. Der Kaiser selbst war schon immer von der Macht instrumentalisiert, also wäre er eher gehorsam gefolgt.

N: Eine freie und starke jüdische Kultur erlebte ich erst, als ich in Frankreich oder in Großbritannien lebte. Deutschland ist immer noch das Kriegsverliererland, und es ist von der Nachkriegszeit nicht verschont geblieben. Es gibt eine kleine jüdische Gemeinde in Berlin, aber insgesamt sind jüdische Gemeinden in Deutschland sehr überschaubar. Wenn ich ins Ausland gehe, scheint es, dass Deutschland immer noch oft als ehemaliger Nazi-Staat gesehen wird. Das habe ich vor allem in Großbritannien so erlebt. Dennoch lernt man in Deutschland dreimal in der Schule, in der Primär-, Sekundar- und Tertiärstufe, gründlich zum Nationalsozialismus und bekommt die Haltung einer Kriegsverlierernation vermittelt. Ich glaube, ohne diese Haltung wäre die EU nicht möglich gewesen. Japan kommt manchmal mit seinen Nachbarländern zurecht, aber manchmal nicht. Ich habe immer noch den Eindruck, dass eine Organisation wie die EU in Asien unmöglich wäre. Ich glaube nicht, dass es in dieser Welt jemals passieren wird, dass Japan, Südkorea und China einen gemeinsamen Haushalt haben werden. Es gibt Faktoren, die man zwischen Europa und Asien vergleichen kann und andere, die man nicht vergleichen kann. Im Vergleich zu Deutschland, Frankreich und Großbritannien war das Entwicklungsniveau zwischen Japan, Korea und China vergleichsweise sehr unterschiedlich. Das japanische System der Nachkriegszeit funktionierte bis die 1990er Jahre, weil Korea und China bis damals immer noch wirtschaftlich schwache Länder waren. Die japanischen Rechten scheinen viel gegen kürzlich verstärkte Reaktionen in Südkorea und China auf die Kriegsgeschichte zu wettern, die in letzter Zeit ihre Präsenz verstärkt haben. Aber Japan hat den Krieg von sich aus begonnen. Ich denke, dass die Atombomben im Zweiten Weltkrieg abgeworfen wurden, weil die Japaner den Krieg zu einem Zeitpunkt weiterführten, obwohl es klar war, dass sie ihn verlieren würden. Dessen sollte sich Japan als besiegtes Land ein wenig bewusster sein.
M: Japan soll wissen, warum die Atombomben abgeworfen wurden?
N: Ja. Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Atombombe als Kriegsverbrechen nicht anerkannt werden sollte. Lediglich der Grund für die Atombombenabwürfe war, dass Japan den Krieg, den es verlieren würde, nicht beenden wollte.
M: Das bezweifle ich. Ich bin natürlich nicht mit der japanischen Kriegsführung einverstanden. Aber ich frage mich, ob es auf amerikanischer Seite wirklich keine andere Möglichkeit als die Atombombe gab, den Krieg zu beenden. Die Opfer waren Zivilisten. Andererseits frage ich mich, worin der Unterschied zwischen Zivilisten und Soldaten in dieser extremem Situation bestand. Ich weiß nicht, ob man ein Soldat ist, wenn man die Uniform trägt, und ein Zivilist, wenn man die Uniform auszieht. Trotzdem frage ich mich, ob es keinen anderen Weg gegeben hätte. Aber ich verstehe gut, was du gerade gesagt hast. Wie das japanische Kaiserreich zu dieser Zeit betrachtet wurde―ich denke, dass Japaner diese Perspektive, wie die japanische Position in der damaligen Weltlage war, wahrscheinlich kaum einnehmen können. Das kann vielleicht daran liegen, dass Japan ein Inselland ist. Japan war seit der Modernisierung immer alleine Japan und nicht Teil Asiens, bis sich Südkorea und China wirtschaftlich entwickelt und ihre Beziehungen zu Japan vertieft haben. Japan war immer sehr stark mit dem Westen verbunden, aber das bedeutet nicht, dass es wirklich Teil des Westens ist. Meiner Meinung nach kam es aus diesem Zusammenhang zu Japans besonderer und isolierter Entwicklung. Es gibt viel mehr Austausch mit anderen Ländern in Europa. In Deutschland ist es normal, halb Franzose und halb Deutscher, oder halb Pole und halb Deutscher zu sein. Aber ein solcher Austausch ist in Japan noch selten, und wir haben das Meer rund um Japan. Aber die Ursache kann psychologisch sein. Das könnte ein akademischer Austausch wie welcher zwischen Deutschland und Frankreich,Austausch zwischen Schülern oder wirklich ein Schulkinderaustausch sein. Aber davon gibt es bei uns nicht viel.
N: Die chinesisch-japanischen Beziehungen verbessern sich manchmal und verschlechtern sich manchmal. Ich habe von Austauschprogrammen mit südkoreanischen und japanischen Studenten gehört. Aber sie waren für lange Zeit Länder, mit denen Japan nicht viel zu tun hatte. Die japanische Seite weigert sich, die Trostfrauen-Statue zuzulassen, die in Deutschland aufgestellt wird. Aber die meisten Berliner verstehen die Bedeutung nicht wirklich. Ich finde, dass ich die Bewegung grundsätzlich unterstützen sollte, aber ich weiß nicht, ob es wirklich richtig ist, dass sie in Deutschland aufgestellt werden soll.
M: Es gibt einige Japaner, die sich für das Thema „Trostfrauen“ interessieren, sich aber darüber wundern, dass die koreanische Seite diese Statue in Deutschland aufstellen will. Warum die Statue diese Figur hat, oder warum sie gerade dort steht. Ich weiß nicht alles. Ich weiß, dass einige Koreaner solchen Aktivitäten kritisch gegenüberstehen. Im Gegenteil, es gibt viele Koreaner, die sich davon distanzieren wollen. Aber ich konnte mich dazu noch nicht äußern, weil ich den Hintergrund nicht vollständig kenne. Wenn man kritisiert, ohne ihn zu kennen, ist das keine konstruktive Kritik. Ich kann Japan natürlich kritisieren, weil ich da geboren und aufgewachsen bin. Ich lebe seit sechs Jahren in Deutschland und spreche etwas Deutsch, also kann ich auch Deutschland kritisieren. Aber ich weiß immer noch nicht viel über Südkorea, obwohl es ein Nachbarland von Japan ist. Dazu kann ich nichts sagen, aber ich halte es für falsch, die Aktivitäten pauschal zu kritisieren, wie einige japanische Rechte tun. Ich weiß auch nicht, ob ich alles davon bejahen sollte. Solche Aktivitäten sollten erlaubt sein, aber ich kann nicht beurteilen, welche ich unterstütze und welche nicht. Ich habe mir bei diesem Gespräch gedacht, dass „nicht wissen“ sehr schlecht ist. Ich kenne weder die japanische Geschichte, noch die anderer Länder genug. Wenn ich mit Koreanern spreche, sind einige der Meinung, dass der Koreakrieg tatsächlich verheerender war als die Kolonialgeschichte, weil die Koreaner sich gegenseitig umgebracht haben. Aber es ist so, dass Koreaner diese Geschichte nicht direkt erwähnen können, so wie Japaner von ihren Kriegsgeschichte nicht sprechen können. Ich habe solche Geschichten von den Koreanern gehört. Aber Japaner wissen ihre Geschichten überhaupt nicht. Was in Japan während des Koreakriegs geschah, beinhaltete lediglich, dass sich die japanische Wirtschaft erholt hat. Ich denke, es ist wichtig, mehr über die Nachbarn zu wissen. Deshalb schätze ich Austausch sehr, der in Europa stattfindet, um sich  kennenzulernen.

M: Ich bin zwar im selben Land geboren, aber ich weiß nicht, wie wir als in der Nachkriegszeit geborene Menschen die Verantwortung für die Kriegsgeschichte übernehmen sollten. Wir haben die Kriegsverbrechen nicht direkt begangen. Ich selbst habe natürlich nichts Positives darüber zu sagen, im Gegenteil, ich stehe ihm eher kritisch gegenüber. Aber es ist ein bisschen schwierig, wenn man die Geschichte kritisiert, als hätten wir die Kriegsverbrechen begangen, nur weil wir in selben Land geboren wurden. Die Verantwortung unserer Generation besteht also darin, diese Geschichte gut zu lernen, mit den Nachbarländern auszukommen, damit die Tragödie sich nicht wiederholt. Ich denke, wir sind für diese Sachen verantwortlich. Aber wenn man mich fordert, die Verantwortung für alles zu übernehmen, was mein Land vor meiner Geburt getan hat... Ich mache normale Bürger in den USA nicht für die Atombombenabwürfe verantwortlich. Das ist etwas anderes. Das hängt von der Meinung jedes Einzelnen ab. Wenn ich seine Meinung nicht akzeptieren kann... Manchmal kann ich auch Meinungen einiger Japaner nicht verstehen. In Asien ist Zugehörigkeit sehr wichtig. Zu welchem Land man gehört, zu welchem Unternehmen man gehört, zu welcher Schule man gehört... Weil der Wert der Zugehörigkeit groß ist, mögen Asiaten von ihrer Nationalität eher gefangen sein. Am Flughafen Narita waren koreanische Touristen, und einer von ihnen ließ sein Taschentuch auf der Rolltreppe fallen. Also nahm ich es und gab es ihm. Ich habe einmal Koreanisch gelernt und das meiste schon vergessen, aber ich verstand irgendwie, was er sagte: „Japaner sind nicht so übel.“ Ich wunderte mich, was für ein Bild von Japanern er im Kopf hat. Auch als ich in Südkorea reiste, ich glaube, die antijapanische Stimmung damals war noch nicht so stark, und als ich am Bahnhof ein Zugticket kaufen wollte, bemerkte die junge Mitarbeiterin am Schalter, dass ich Japanerin bin. Nur weil ich Japanerin bin, hat sie so reagiert. Entschuldigung, ich möchte nur ein Ticket kaufen. Das finde ich sehr schwierig. Die Mitarbeiterin der Touristeninformation wurde wütend auf mich, weil ich ihr meinen Reiseführer zeigte, und sagte: „Ich verstehe kein Japanisch!“. In Korea wird immer noch überliefert, dass Koreaner während der Kolonialzeit gezwungen waren, Japanisch zu lernen, und die Geschichte wird an diese junge Frau weitergegeben, so dass sie die japanische Sprache allein durch ihren Anblick ablehnt. Ich wollte einfach nur einen Ort besuchen und erreichen, dass sie mit dem Bild und der chinesischen Schrift, die Koreaner auch auf Koreanisch benutzt hatten, den Zielort versteht. Natürlich sind nicht alle Menschen so. Wenn ich sagen würde, dass alle Chinesen oder alle Koreaner so sind, wäre das auch ein Vorurteil. Sie sind wenig, aber es gibt einige, die so sind. Aber ich weiß immer noch nicht, wie ich auf diese Reaktionen antworten soll. Sollte ich sagen und mich auch entschuldigen?: „Es tut mir leid, das hat mein Land getan“.
N: Ja. Ich habe nicht so viele persönliche Kontakte zu Chinesen und Koreanern. Aber wenn ich als Deutsche nach Frankreich oder Großbritannien gehe, höre ich, dass die Nazis in der Vergangenheit wirklich schlimme Dinge getan haben. Heute noch werden Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg manchmal in Großbritannien gefunden und beseitigt. Wenn das passiert, weiß ich als Deutsche nicht, wie ich reagieren sollte.
M: Aber das bedeutet nicht, dass sie direkt dir etwas sagen. Jemand hat mir ein bisschen was gesagt, etwa wir mussten wegen der deutschen Bombe vom den Ort evakuiert werden. Ich habe also immer das Gefühl, dass ich mir als Deutsche der Kriegsverantwortung Deutschlands bewusst sein muss, wenn ich nach Großbritannien gehe. Ich weiß nicht, ob das wirklich wahr ist, aber je länger ich in Großbritannien lebte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass es in Deutschland weniger ethnische Vielfalt gibt. Ich denke, dass Deutschland noch nicht so multikulturell ist wie Großbritannien oder die USA.
M: Dann bist du der Meinung, dass du dich als Deutsche dafür schuldig fühlen solltest, was Deutschland während der Nazizeit getan hat.
N: Ja. Das sollte auch für Japaner gegenüber Koreanern und Chinesen gelten.
M: Ich verstehe. Man muss sehr stark sein, um sich so verhalten zu können. Wenn wir uns jetzt also mit Chinesen und Koreanern vertragen, erwähnen wir die Geschichte nicht. Solange wir darüber nicht sprechen, können wir miteinander auskommen. Wenn wir beide sehr an dem Thema interessiert wären, wäre die Situation vielleicht anders. Z. B. Menschen, die in diesem Bereich aktiv sind. An meiner Universität in Tokio gab es Studenten aus Südkorea, aber wir haben darüber nicht gesprochen. Natürlich wollen sie in Japan studieren, weil sie Japan mögen und nicht antijapanisch sind. Aber sie würden immer noch an die Kolonialgeschichte denken und eine Menge zu beklagen haben. Weil sie dennoch mit Japanern gut auskommen wollen, sprechen sie nicht darüber. Es wäre seltsam, wenn ich darauf eingehen würde. Also habe ich dieses Thema nicht angesprochen. Ich habe also Erfahrung damit, mit ihnen ohne das Thema auszukommen. Ich denke, es wäre schön gewesen, wenn ich offener mit ihnen darüber reden können hätte, als ich an der Universität war. Aber letztendlich haben die Koreaner auch sehr große Rücksicht genommen, und wenn sie sich über die japanische Regierung beschweren, beklagen sie sich nicht bei den lächelnden Japanern vor ihnen und wollen nicht darüber sprechen. Das ist etwas, das Asiaten gemeinsam haben...
N: „Die Stimmung schön halten“
M: So fühlt es sich an. Also lassen wir das Thema beiseite. Wenn wir diese Diskussionen entspannter führen könnten, würden die Dinge vielleicht anders laufen. Das glaube ich wirklich.