zwei Narrative

Erzählung des Ostberliners

Ich habe in dem Sinne nie mit Westberlinern Kontakt gehabt, sondern immer mit den Leuten, die aus Westdeutschland in Westberlin gelebt haben. Sie brauchten kein Formular zur Einreise, sondern sie konnten sofort über die Grenze rübergehen und bis 12 Uhr drüben bleiben. Man kann das in dem Lied von Udo Lindenberg sehr gut hören. Du hast nur einen Tagespassierschein und musst wieder zurück, sonst gibt es die größten Nerverei.

1978 war ich mit meinem Freund G. in Bulgarien. Damals sind viele einfachere Frauen nach Bulgarien hingefahren. Später sind die Frauen nach Tunesien oder Kuba gefahren, aber damals nach Bulgarien. Da haben sie sich einen jungen Bulgaren angelacht. Sie haben ihn natürlich bezahlt. Solche Frauen habe ich mal in einer Kneipe am Gold Strand kennengelernt, wo wir uns rumgetrieben haben. Das waren wirklich zwei Frauen aus Neukölln. Wir waren nur 25 Jahre alt und sie waren bestimmt 35 oder 40 Jahre alt. Ich wusste nicht, was ich mit ihnen anfangen soll, weil sie nichts in der Birne hatten, obwohl ich mich eigentlich immer gerne unterhalte. Die anderen Qualitäten, auf welche sie aus waren, konnte ich sowieso nicht liefern.

Wir wollten immer mit ihnen über Politik und auch Literatur diskutieren. Aber da haben wir festgestellt, dass sie gar keine Ahnung hatten. Alle in Ostberlin, mit denen ich verkehrt habe, kannten zum Beispiel den rasenden Reporter Egon Erwin Kisch, der einer der bekanntesten Reporter der 1920er und 1930er Jahre war. Aber sie hatten noch nichts von Egon Erwin Kisch gehört, obwohl er in der ganzen Welt bekannt war. Sie hatten die russischen Schriftsteller nie gelesen, obwohl sie Studentinnen gewesen waren. Also keine große Allgemeinbildung hatten sie. Da waren wir ziemlich enttäuscht, weil ich dachte, dass sie Abitur haben und studiert haben. Wir haben nicht studiert und hatten kein Abitur. Wir sind nur Autodidakten, aber wir wussten mehr von der Welt als sie. Das war eigentlich ein bisschen enttäuschend.

Die erste Informationsquelle waren die westlichen Medien, an erster Stelle das Fernsehen und an zweiter Stelle das Radio, einmal der Sender Freies Berlin und der RIAS Rundfunk im amerikanischen Sektor. Dort haben wir die Bundestagswahlen verfolgt. Wir haben die Reden im Bundestag gehört. Es gab politische Sendungen im SFB und auch im RIAS. Dort wurde über Westberlin berichtet. Man war ganz genau unterrichtet, was gerade los war. Der Künstler mit dem Hut, Joseph Beuys, ist auch in den 80er Jahren nach Ostberlin gekommen. Da kannte ich auch wieder Leute, die dort in die Ständige Vertretung eingeladen wurden und seine Kunstwerke bestaunen durften. Es gab auch Bücher von einigen Schriftstellern, die in der DDR verlegt wurden. Zum Beispiel, Böll, Heinar Kipphardt und noch einige andere Leute. Da waren natürlich auch Amerikaner oder Franzosen. Wir waren eigentlich ganz gut informiert. Wenn man eine Zeitung rüber geschmuggelt hatte, dann ging sie von Hand zu Hand. Damals gab es noch den Stern. Er hatte immer wunderbare Fotos und sie haben uns natürlich total begeistert. Auch der Spiegel. Er ging auch von Hand zu Hand. Es gab nachher auch die GEO in den 1980er Jahren. H. H. hat für die GEO Fotos gemacht. Die Fotos haben wir uns nachher in der GEO angeguckt und waren erstaunt, wie toll sie von dieser ekligen Kneipe aussehen, wo wir uns immer getroffen haben.

Man konnte nach Ungarn fahren und dort gab es eine Straße, auf der sehr viele Buchläden waren. Dort konnte man West-Bücher kaufen und da habe ich mir immer den Spiegel, die Süddeutsche Zeitung und auch die Zeit gekauft. Ich habe versucht, so viel wie möglich auszulesen. Die Zeit habe ich natürlich in Budapest gelassen, aber der Spiegel ist mir zweimal gelungen, rüber zu schmuggeln. Einmal musste ich aber 140 Ostmark Strafe bezahlen, weil ich eine Zeitung eingeschmuggelt habe. Wie die mir beim Zoll gesagt haben, die nicht auf der Post zu der DDR stand, musste ich Strafe zahlen. Für einen anderen Spiegel von 1984 habe ich ein Foto gemacht. Das ist mir gelungen, ihn in die DDR zu schmuggeln, und er ging dann von Hand zu Hand. 

In den 1980er Jahren habe ich eine Postkarte von der ehemaligen Geliebten von H. H. gekriegt. Sie hat mir eine Postkarte geschickt und da waren die Leute alle zu sehen, die auf der Straße mit einer Flasche Wein und einer Flasche Bier in der Hand saßen. Da haben wir gedacht: „das ist ja toll! Da ist die grenzenlose Freiheit!“ Aber als wir drüben waren, haben wir festgestellt, dass alles gar nicht so war. Ich muss noch dazu sagen, als ich 1988 rüber gekommen war, war alles schon im Abebben. Die wilden Zeiten waren schon langsam vorbei. Sie waren in meiner Generation von 1979 bis 1987, als die ganzen neuen Galerien entstanden sind und dieses Bodypainting gemacht wurde.

Nachher habe ich erfahren, dass sie meistens polnische Frauen waren, die sich vom Publikum ausgezogen und sich anmalen lassen haben. Da haben wir gar keine deutschen Witzchen gemacht und sie haben in West-Berlin ein bisschen Geld dafür gekriegt. Sie waren polnische Frauen, die hier studiert haben oder hier rüber gekommen sind. Diese ganzen wilden Künstler Sachen waren schon vorbei und ich habe nicht mehr kennengelernt, als ich nach 1988 nach West-Berlin kam.

Sie haben sich nicht für den Osten interessiert. Wenn man aus dem Westen war, dann war er in Griechenland, Österreich oder Frankreich. Menschen aus Westdeutschland fühlten Holland viel näher, weil sie schon als Kind mit den Eltern hingefahren sind. Ich habe einmal in Italien eine große Streiterei gehabt. 1988 und 1989 war ich mit den ostdeutschen Freunden, die alle lange vor mir nach Italien ausgereist sind und dort lebten. Sie waren mit zwei italienischen Frauen. Dann hatte ich mit einem Bekannten eine Streiterei, der auch viel früher im Westen als ich war. Ich hatte eine westdeutsche Freundin und war nur ein halbes Jahr in Westdeutschland und Westberlin. Ich habe noch Italien immer mit meinen Erlebnissen verglichen, die ich in Bulgarien über die 10 Jahre hatte. Da haben sie immer gesagt: „Na, hör doch mal mit Bulgarien auf”. Sie hatten natürlich recht, aber ich hatte da keine Vergleichsmöglichkeiten. Italien war das erste westliche Land, das ich gesehen habe. Sie hatten da die Mädchen aus Westdeutschland, die überhaupt kein Interesse an meinen Geschichten hatten. Ich sagte: „warum bist du noch nie nach Ostberlin oder nach Ostdeutschland gefahren? Weißt du? Leute sprechen da Deutsch.”

Genauso war es bei den politischen Gesprächen. Sie haben immer irgendwelche fernen Länder oder den Freiheitskampf in Südamerika verherrlicht. Aber ich habe mich mit Leuten unterhalten, die unter Ceaușescu im Gefängnis eingesperrt waren und mit Plakaten für Freiheit demonstriert haben.

Die, die im Osten entweder vor Solidarnosc oder bei den Russen, bei den Tschechen, bei den Rumänen oder bei den Bulgaren eingesperrt waren, haben die westdeutsche Linke nicht interessiert. Es gab Ausnahmen, muss ich sagen, aber sie waren ganz klein. Viele hatten ihre Herkunft in den K-Gruppen, aber sie hatten sich in den 1970er Jahren davon getrennt. Aber denen, die Interesse an dem wahren, so real existierenden Sozialismus zeigten, haben Literatur und Filme ausgereicht. Das Original wollten sie gar nicht sehen. Es gab immer ein bisschen Streitereien und ich habe manchmal auswendig gesagt: „geh rüber, hau ab! Warum gehst du nicht rüber?” Aber ich wollte nicht sagen. Es gab welche in Westberlin, die wirklich rübergegangen und Ostberliner geworden sind. Muss ich dazu sagen. Aber es war eben die Wahl. Wenn man in einer Diktatur des Proletariats war, musste man seinen Pass abgeben. Der Staat hat ihnen alles vorgeschlagen und sie waren das gar nicht gewohnt. 

Man ist nach Westen orientiert. Die Sonne geht im Westen unter. Seit Jahrhunderten hat man immer nach Westen geguckt. In Russland haben sie nach Westen geguckt. Der ewige Streit zwischen Ostlern und Westlern. In den anderen Ländern auch. Letztendlich sind die Leute immer nach dem Westen emigriert, egal aus welchen Ländern sie kamen. Die Attraktivität? Was hatte der Osten zu bieten? Der Osten war bekannt gewesen für Stacheldraht, gute Panzer, die Todesstrafe, teilweise Gulag, dass es da nichts gab und dass die Freiheit beschränkt war. Das hat man gewusst. Der Westen war einfach freier, also die entwickelten Länder.

Wir sind damals nicht nach Portugal, zu Salazar, in das faschistische Regime und auch nicht in das faschistische Franco-Regime gefahren. Aber in den 1970er Jahren ist einiges verschwunden, auch das Obristen Regime in Griechenland. Man hat nicht mehr eingesperrt und dann konnte man ohne ideologische Gewissensbisse dorthin fahren. Deswegen sind ganz wenige Leute nach Osten gefahren.