zwei Narrative

Erzählung der Westberlinerin

Das eigentliche Privatleben, das fand wie üblich nur im engsten Umfeld statt. Da, wo man zur Schule gegangen ist, vielleicht auch noch dort, wo man studiert hat oder wo man eine Ausbildung gemacht hat. Das war also eigentlich ein ganz normales Leben. Hatte man im Ostteil der Stadt Verwandte, dann besuchte man sie. Es war ein bisschen komplizierter als heutzutage, weil es kein Telefon gab oder weil nicht jeder eins hatte. Man musste sich brieflich verabreden, aber das war eigentlich kein Problem. Es gab aber auch immer noch viele Leute, die keine Freunde oder Verwandte im Ostteil der Stadt hatten.

Dann kam der Mauerbau. Wobei wir das anfangs gar nicht so bemerkt haben. Nur im Büro fehlten, ich sage mal, bestimmt 30 Prozent meiner Kollegen plötzlich. Man hat sich Gedanken gemacht, was wohl mit ihnen geschehen ist. Ich denke, ich bin noch ein Jahr zu den Kollegen rausgefahren oder rüber gefahren, denn die ersten drei Wochen konnte man innerhalb Berlins als Westberliner noch in den Ostteil der Stadt fahren. Also ich selber bin zu Freunden gefahren, denn sie hatten bei uns, weil sie flüchten wollten, viele Unterlagen deponiert und die habe ich dann Stück für Stück so jeden Tag zurückgebracht, damit sie wenigstens ihre Unterlagen haben konnten.

Es wurde aber immer strenger. Für die Westberliner gab es über viele Jahre, eigentlich fast zehn Jahre, gar keine Möglichkeit, nach Ostberlin zu reisen. Es sei denn, man hat sich einen westdeutschen Pass besorgt. Das haben sehr viele getan. Ich auch. Aber, ich glaube es war 1972, konnte man Passierscheine beantragen. Eine fürchterlich komplizierte Angelegenheit mit langen Wartezeiten. Deswegen hat man auch seine Freunde und Verwandte nicht so oft getroffen, weil diese ganze Prozedur einfach so unangenehm war. Bei der Einreise wurde man kontrolliert und sehr freundlich war es am Anfang auch nicht.

Bei meinen privaten Besuchen war die Politik eigentlich immer außen vor. Man hat natürlich die politischen Geschehnisse verfolgt. Es war die Zeit des Kalten Krieges. Aber ich denke, unsere sogenannte Boulevardpresse hat nicht immer objektiv über die DDR und die Hauptstadt der DDR, so nannte sich Berlin damals, berichtet. Aber es war in den Zeitungen immer irgendwie ein Thema. Die Themen waren natürlich die Schwierigkeiten bei den Grenzübergängen und auch die Versorgung. Es wurde wenig darüber geschrieben, dass trotz des Kalten Krieges innerhalb der Stadt auch so bestimmte Dinge miteinander funktionierten.

Ich glaube, so war es auch mit dem Abwasser. Viele Dinge haben am Anfang immer noch gut funktioniert. Das hat man nicht an die große Glocke gehängt, nur weiß ich nicht, wie das zum Schluss gewesen ist. Die Politik spielte natürlich immer eine große Rolle. Berlin war eingemauert und man wünschte sich natürlich den Fall der Mauer. Aber ich glaube, es hat keiner damit gerechnet. Das muss man auch dazu sagen. Aber manchmal hat man sich wirklich gefragt, wie lange das eigentlich noch gehen soll. Auch diese Fahrerei immer durch die DDR, die Kontrollen, war ein wenig lästig für die West-Berliner. Zum Schluss, muss ich sagen, wurden die Grenzkontrollen allerdings immer lockerer und die Jungs, die Volkspolizisten, wurden immer lustiger.

Wie Ost- und Westberliner durch die Mauer getrennt lebten? Einfach getrennt. Es gab keinen täglichen Kontakt. Man hatte sein eigenes Leben und auch seine eigene Auffassung von der Arbeit. Aber das hat man eigentlich alles erst später erfahren.

In dem täglichen Leben eines normalen Westberliners spielte das, was hinter der Mauer war, keine große Rolle. Wenn man keinen Kontakt hatte, hatte man überhaupt keine Vorstellung davon, wie es war. Man konnte sich eigentlich nur an der Presse orientieren. Ohne Kontakte wusste man nicht, wie es auf der anderen Seite, in der Hauptstadt der DDR, zuging. Wie die Leute ihr ganz normales Leben lebten, war sicher mit ein paar anderen Einschränkungen, als bei den Westberlinern. Aber im alltäglichen Leben gab es keine Kontakte und es war auch irgendwie kein tägliches Gesprächsthema.

Ich denke, am Anfang nach dem Mauerbau war das Interesse sicher größer, der Aufschrei der Politik war lauter. Aber im Laufe der Jahrzehnte schleift sich das doch alles ab. Und es wurden auch Kinder geboren, die im Laufe der Jahrzehnte erwachsen wurden und schon Familien gegründet haben. Die wussten gar nicht, was hinter der Mauer geschah. Ich denke, sogar kaum einer von den kleineren Kindern wusste, dass es eine Mauer rund um West-Berlin gibt. Und dadurch spielte sich das Leben einfach in ganz normalen Bahnen ab und nur wenn die Politik aufschrie, dann war es Thema. Aber so lebte jeder vor sich hin, würde ich sagen.

Die Kinder, die dort groß wurden, gingen zur Schule, machten ihren Schulabschluss und gingen vielleicht zum Studium in die alte Bundesrepublik. Es ist da niemand auf die Idee gekommen sich an der Humboldt-Uni zu bewerben. Weil die Mauer gebaut wurde, wurde gleich danach oder noch viel früher die Freie Universität gegründet. Es gab also parallele Universitäten und Hochschulen, die im Westteil der Stadt ausgebaut wurden.

Nach dem Mauerfall haben wir erst mal ein bisschen Zeit verstreichen lassen, weil das am Anfang fast ein „Überfall“ war. Die Leute waren einfach begeistert, wollten mal nach Berlin reingucken, reinschnuppern und wieder nach Hause fahren. Alle von unseren Freunden sind zu uns gekommen, denn wir waren früher immer nur bei unseren Freunden zu Gast, aber sie konnten umgekehrt nicht zu uns kommen. Also sind sie erst mal alle zu uns zu Besuch gekommen und das hat sich eigentlich, wie man sagt, „normalisiert“.

Natürlich war es am Anfang so, dass es immer noch im Ostteil der Stadt das sogenannte Kostgeld gab, bevor der Übergang kam. Da konnte man für relativ billiges Geld in die Oper oder ins Konzerthaus gehen, das funktionierte alles im Osten. Aber das war nur ganz kurze Zeit so und dann irgendwie ganz allmählich, das merkte man gar nicht, veränderte sich so vieles. Der Geruch verschwand aus der Stadt, weil sich viele Leute, das kann man verstehen, erst mal ein neues altes Auto gekauft haben. Leider wurden sie von den sogenannten Wessis übers Ohr gehauen. Aber die meisten Autos hatten, ich glaube, zwar noch keinen Katalysator, aber dieser Geruch verschwand einfach aus der Stadt und die Häuser, auch die Altbauten, wurden ganz allmählich restauriert.